Schulgeschichte

Über Georg Schlesinger

Berlin 1874 - London 1949

georg-schlesingerDas beherrschende Thema im Wirken des Ingenieurwissenschaftlers Georg Schlesingers war die wissenschaftliche Durchdringung und Gestaltung des industriellen Fabrikbetriebs. Durch systematische Untersuchung der Wechselwirkung von Fertigungstechnik, Organisation und menschlicher Arbeit wurde er zum Begründer einer neuen ingenieurwissenschaftlichen Disziplin, der Betriebswissenschaft, aus der die moderne Produktionswissenschaft hervorging. Prägenden Einfluß auf seinen wissenschaftlichen Werdegang übte die Werkzeugmaschinenfabrik Ludwig Loewe & Co. AG aus, bei der Schlesinger von 1897 bis 1904 zunächst als Konstrukteur, später als Konstruktionschef tätig war. Im Jahre 1900 richtet Schlesinger in der Ludwig Loewe & Co. AG die erste Werkberufsschule Berlins ein und übernahm deren Leitung. 1904 wurde er auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen, Fabrikanlagen und Fabrikbetriebe an der Technischen Hochschule Berlin berufen. 1906 begann er mit dem Aufbau des ersten Versuchsfelds für Werkzeugmaschinen. Lehrstuhl und Versuchsfeld entwickelten sich in den zwanziger Jahren zu einem weit über die nationalen Grenzen hinaus anerkannten Zentrum betriebswissenschaftlicher Forschung und Lehre.

Die Vertreibung der jüdischen Wissenschaftler nach 1933

Schlesingers Wirken an der Technischen Hochschule wurde nach der nationalsozialistischen Machtergreifung ein jähes Ende bereitet. Im März 1933 begann seine Verfolgung als jüdischer Hochschullehrer. Von April bis November 1933 wurde er in Untersuchungshaft genommen und im September offiziell vom Staatsdienst suspendiert. Trotz gerichtlicher Rehabilitierung und Haftentlassung blieb ihm eine Wiederaufnahme seiner Tätigkeit an der Technischen Hochschule verwehrt. So sah sich Georg Schlesinger Anfang 1934 gezwungen, Deutschland zu verlassen. Nach kurzer Gastlehrertätigkeit an der E.T H. Zürich ging er im November 1934 an die Université Libre in Brüssel. Im Januar 1939 emigrierte er nach Großbritannien und übernahm bis 1944 die Leitung eines Forschungslaboratoriums für Fertigungstechnik.

Quelle: Archiv der TU-Berlin

Produktionstechnik und Maschinenbau

Produktionstechnik und Maschinenbau bilden Kernbereiche der Ingenieurwissenschaften mit großen Zukunftschancen und einer hundertjährigen universitären Tradition in Berlin. Anfang des Jahrhunderts löste sich das damals neue Gebiet der wissenschaftlichen Forschung über Produkte und Prozesse in Werkstätten und Fabriken aus dem klassischen wissenschaftlichen Umfeld von Ökonomie und mechanischer Technologie. Mit der Berufung Georg Schlesingers im Jahre 1904 auf einen Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetriebe der damaligen Technischen Hochschule Charlottenburg in Berlin wurden Forschung und Lehre der Fertigungstechnik und Betriebswissenschaft erstmals in Deutschland universitär verankert. Die Produktionstechnik trat als integrative Disziplin der Rationalisierung von Prozessen in den Kreis der Ingenieurwissenschaften ein.

Die ingenieurwissenschaftlichen Wurzeln des Maschinenbaus in Berlin sind mit den Namen Reuleaux und Riedler verbunden. Hatte der 1896 vom Lehramt zurückgetretene Reuleaux noch versucht, die gesamte Maschinentechnik theoretisch konsistent zu beschreiben, so widmete sich der 1888 an die damalige TH Charlottenburg berufene Riedler der wissenschaftlichen Entfaltung des Maschinenbaus im vielfältigen Erfahrungsaustausch mit der industriellen Anwendung. Es wurde nicht mehr nur analysiert und berechnet, sondern auch konstruiert, realisiert und erprobt. An der TH Charlottenburg richtete man Laboratorien und Versuchsfelder ein. Man berief konstruktive Ingenieurwissenschaftler mit produkttechnischer Ausrichtung. So forschten Schlesinger und seine Mitarbeiter am Konstruktionsobjekt Werkzeugmaschine als einem Produkt, Fertigungsprozesse methodisch-systematisch auszuführen.

Zugleich leistete Schlesinger mit Beratung und Weiterbildung für Betriebsorganisation erste frühe Beiträge zum Technologiemanagement fabrikbetrieblicher Prozessketten. Schlesinger begann im ersten Weltkrieg Bein- und Armprothesen zu entwickeln und zu prüfen und erwies sich damit als Pionier der biomedizinischen Technik. Schließlich war das 1925 für die wissenschaftliche Untersuchung der menschlichen Arbeit im industriellen Fertigungsprozess gegründete Institut für Industrielle Psychotechnik ein früher Vorläufer der heutigen Arbeitswissenschaft und Psychologie.

Die politische Gleichschaltung der damaligen TH Charlottenburg im nationalsozialistischen Deutschland führte 1933 zur Entlassung und Verhaftung des jüdischen Hochschullehrers Schlesinger, der 1934 emigrieren konnte. Die TH Charlottenburg und mit ihr die Bereiche Produktionstechnik und Maschinenbau richteten sich nationalsozialistisch und kriegswirtschaftlich aus und wurden bis Kriegsende 1945 weitgehend zerstört.

Wiederaufbau nach 1945

Der Aufbau der TU Berlin nach dem Kriege fand im politisch geteilten Deutschland statt. Berlin hatte seine Rolle als bestimmende Metropole industrieller Wertschöpfung in Deutschland verloren. Eine neue Produktionswissenschaft Berliner Schule konnte sich mit der Berufung Günter Spurs auf den Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb an der Technischen Universität 1965 entfalten. Wesentliche innovative Impulse setzte Spur mit der Steuerung von Produktionsanlagen wie Werkzeugmaschinen und Industrierobotern, mit der industriellen Informationstechnik in Konstruktion und Arbeitsplanung, mit der Qualitätswissenschaft zur Erfüllung der Kundenansprüche an industrielle Produkte und Dienstleistungen sowie mit Montagetechnik und Fabrikbetrieb in vielfältigen technologischen und logistischen Wertschöpfungsketten. Sein klassisches Fachgebiet Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik konnte Spur durch die konstruktive Gestaltung neuer Produktionsanlagen sowie die Entwicklung und Erprobung neuer Prozesse mit modernen Werk- und Schneidstoffen bis zu seiner Emeritierung 1997 in Wissenschaft und Industrie international anerkannt fortentwickeln.

Alle diese fünf Fachgebiete sind heute im Produktionstechnischen Zentrum am Charlottenburger Spreebogen von TU Berlin und Fraunhofer-Gesellschaft mit eigenen Professuren vertreten. Mit der Gründung des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik 1976 und der räumlichen Vereinigung produktionswissenschaftlicher Aktivitäten im neu errichteten Berliner Produktionstechnischen Zentrum 1986 konnte unter Leitung von Spur ein global vernetzter und anerkannter Schwerpunkt der Produktionswissenschaft in Berlin geschaffen werden.

Der moderne Maschinenbau integriert mechanische, elektrische, elektronische und informationstechnische Komponenten zu mechatronischen Systemen. Dabei werden die Eigenschaften neuer Materialien als Funktions- und Konstruktionswerkstoffe genutzt. Eine große Bedeutung gewinnen neue Berechnungs- und Messverfahren zur Verbesserung von Produkten und Prozessen hinsichtlich Material- und Energiebedarf, Belastbarkeit, Sicherheit und Lebensdauer, Arbeitsgeschwindigkeit und Zuverlässigkeit sowie Qualität und Kosten. Die Modellierung von Produkten und Prozessen wird durch neue informationstechnische Werkzeuge in virtueller Realität unterstützt und hilft, neue Systeme schneller zu entwickeln. Mikrotechnische Systeme mit sensorischen, aktorischen und informationsverarbeitenden Komponenten eröffnen neue Anwendungsfelder in vielen Bereichen. Neben der klassischen Maschinen- und Anlagentechnik sind hier Medizintechnik, Verkehrstechnik, Informations- und Kommunikationstechnik sowie Konsumgüter in privaten Haushalten zu nennen. Wurden die Phasen der Produktentstehung im klassischen industriellen Maschinenbau eher sequenziell durchlaufen, so wird heute zunehmend ganzheitlich in Kategorien des so genannten life cycle engineering gedacht. Mehr Wissen wird schneller überall verfügbar. Lernen und Entwickeln gehen in Zusammenarbeit und Wettbewerb im globalen Dorf über traditionelle Branchengrenzen hinweg ineinander über. Die traditionelle Einheit von Forschung und Lehre im ingenieurwissenschaftlichen Universitätsbetrieb gewinnt in diesen Zeiten rasanter Innovation und Integration von Wissensdomänen eine besondere Aktualität. Für die Berliner Ingenieurwissenschaft in Produktionstechnik und Maschinenbau ergibt sich die Herausforderung, die Chancen des Technologiewandels für die Realisierung neuer Produkte und Prozesse in der Region zu nutzen.

Links und Veröffentlichungen:
  • SCHLESINGER, G.: Die Passungen im Maschinenbau. Berlin 1904 (2. Aufl. 1917)
  • SCHLESINGER, G.: Psychotechnik und Betriebswissenschaft. Leipzig 1920
  • SCHLESINGER, G. / MATSCHOSS, C. (Hrsg.): Die Geschichte der Ludwig Loewe & Co. AG. 60 Jahre Edelarbeit 1869-1929. Hrsg. zum 60jährigen Jubiläum der Firma. Berlin 1930
  • SPUR, G. / FISCHER, W. (Hrsg.): Georg Schlesinger und die Wissenschaft vom Fabrikbetrieb. München u.a. 2000

 

Siehe auch

Bilder der Festveranstaltung zur Namensgebung im Juli 2004

 

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